Jeli Moussa Sissoko
Ballake
Kora-Musik aus Mali
In Mali sagt man, dass der Klang der Kora "die Gedanken weit weg in die Ferne trägt". Dieser Zustand ist charakteristisch für jeliya, die Musik und Redekunst der jeli oder Griots. Die Griots sind eine Gruppe von Handwerkern und Barden; Spezialisten, die eine bis zum mittelalterlichen Reich Mali ins dreizehnte Jahrhundert zurückreichende Tradition vertreten. Jeliya, das Griottum, ist mit dem Singen von Lobgedichten und dem Vortrag der Geschichte der aristokratischen Familien verbunden. Die Musik der Griots ist das Produkt eines kreativen Austausches zwischen einer Vielzahl ethnischer Gruppen, welche in der Welt der Mande leben. Diese umfasst weite Teile Westafrikas, die von den Nachkommen des Reiches Mali und seiner Diaspora besiedelt wurden. Unter dem Einfluss der Lautentraditionen des Sahels haben die malischen Griots ihren langsamen und majestätischen Musikstil entwickelt. Im Gegensatz dazu besitzen die guineischen und gambischen Stile einen perlenden, zum Tanz anregenden Charakter, der jeweils von dem bala (Xylophon) und der Kora inspiriert ist. Trotz ihrer Vielfalt sind alle regionalen Traditionen von einer gemeinsamen musikalischen Ästhetik durchdrungen. Sie findet ihren Ausdruck in Musikstücken, die als Modelle Verwendung finden, welche man in der Interpretationspraxis fortwährend erweitert. Zyklische Begleitmuster werden mit für den muslimischen Savannenraum typischen, in Kaskaden verlaufenden Sololinien kombiniert. Wie in vielen anderen afrikanischen Musiktraditionen, ist die verwobene Komposition melodisch-rhythmischer Elemente, welche ein mehrstimmiges Ganzes bilden, typisch.
Die Kora gehört zu einer ausschließlich in der Savannenzone Westafrikas verbreiteten Familie von Stegharfen. Die Mehrzahl dieser Instrumente sind Jägerharfen (donso ngoni, kori, kon, sinbi). Ihre Konstruktion basiert auf der Grundidee, eine Kalebassentrommel auf einen Jägerbogen zu stecken. Der Hals der von jeli gespielten Kora wurde begradigt, um der Spannung der hinzugefügten Saiten standzuhalten. Die einundzwanzig Saiten der Kora verlaufen in zwei Ebenen entlang den Seiten eines Holzsteges. Vor der Einführung von Nylonsaiten aus Angelschnüren wurden die Saiten aus fein verdrehtem Leder hergestellt. Der Steg steht aufrecht auf einer kleinen, mit Stoff umwickelten Plattform, welche auf der Resonanzfläche liegt. Letztere besteht aus einer über die Kalebasse gespannten Kalbshaut. Die Saiten sind am Hals des Instrumentes mit Riemen aus Leder befestigt, welche zur Stimmung verschoben werden. Am anderen Ende des durch den Resonanzkörper verlaufenden Halses sind die Saiten an einem Metallring verankert. Drei Stäbe sind über den Kalebassenrand gelegt, um den Druck des Steges aufzufangen. Zwei von ihnen dienen dem Spieler als Griff. Das Tonspektrum der Kora umfasst zweieinhalb Oktaven und das Instrument wird je nach Region nach verschiedenen, heptatonischen Systemen gestimmt (in Mali sauta und silaba, in Gambia hardino und tomora mesengo). Die Saiten werden mit beiden Daumen und Zeigefingern gezupft, was das Spielen mehrstimmiger Motive erlaubt.
Bis zum zwanzigsten Jahrhundert wurde die Kora lediglich in Gambia, Guinea Bissau und dem südlichen Senegal verwendet. Mündliche Überlieferungen verfolgen ihren Ursprung zu den Mandinka des Reiches Kabu. Sie erzählen, wie Jeli Madi Wulen, ein Ahne der Sissoko, das Instrument in den Händen einer schönen Geisterfrau entdeckt hat. Er hat daraufhin Kelefa, das erste auf der Kora gespielte Lied, zu Ehren des Kriegers Kelefa Sane komponiert. In seiner heutigen Form existiert das Instrument wahrscheinlich seit dem Ende des siebzehnten oder dem Anfang des achtzehnten Jahrhunderts. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Kora in Mali von Sidiki Diabate und Jeli Madi Sissoko, zwei jungen Virtuosen aus Gambia, bekannt gemacht. Zu einer Gruppe von Künstlern gehörend, welche jeliya als ein Mittel zur Wiederbelebung ihres kulturellen und politischen Erbes sahen, spielten sie für die Führer der neugegründeten Parteien. Nach der Unabhängigkeit im Jahre 1960 waren Sissoko und Diabate Mitbegründer des Ensemble Instrumental du Mali, einer akustischen Formation am Staatstheater der Republik Mali. Mit seinem Chor aus jelimuso (Griottes, d.h. weiblichen Griots) und den klassischen Instrumenten der jeli, wie der ngoni (Laute), dem bala, der Kora, der jelidundun (Basstrommel) und der tamani (Sprechtrommel), vermittelt das Ensemble die Stimmung der mittelalterlichen Königshöfe, so wie sie von arabischen Reisenden beschrieben wurde. Diabate und Sissoko haben ihren ruhig fließenden Stil auf der Basis der malischen Tradition aufgebaut und mit reichen melodischen Ornamenten versehen. Im Jahr 1971 wurde ihre Musik auf der Platte "Cordes Anciennes", dem ersten Instrumentalalbum der Kora, aufgenommen. Angesichts der Tatsache, dass die Instrumente der jeli bis dahin nur zur Begleitung von Rednern oder Sängern eingesetzt werden, bedeutete diese Beachtung einen erstaunlichen Wandel und Erfolg.
Seit dem Ende der achtziger Jahre ist die Musik der malischen Kora auf dem Weg zu einem Soloinstrument noch einmal grundlegend verändert worden. Dieses Mal waren es Jeli Moussa Sissoko und Toumani Diabate, die Söhne der Altmeister, welche das Repertoire ihrer Väter mit auf der Gitarre gespielten Akkorden und Rhythmen versetzten. In Guinea wurde die Gitarre von den jeli seit den vierziger Jahren aufgegriffen, um ihre Musik mit afro-kubanischen Einflüssen zu fusionieren. Im konservativeren Mali begann diese Entwicklung erst nach der Unabhängigkeit, als Griottes mit den Konventionen brachen und ihren Gesang von Gitarren begleiten ließen. In Guinea und Gambia sind die musikalischen Hauptfiguren meist Männer. Im Gegensatz dazu sind es in Mali hauptsächlich Frauen, wie Ami Koita, Tata Bambo Kouyate und Kandia Kouyate, welche zu Pop-Stars wurden. In weite, mit Gold bestickten Gewändern und hochabsätzige Schuhe gekleidet und Goldschmuck tragend, den sie für ihre Lobgesänge geschenkt bekamen, füllen diese charismatischen Frauen nicht nur Konzertsäle im In- und Ausland, sondern singen auch auf Festen in den Straßen Bamakos. Ihre Musik heißt sumun, was so viel wie "Gespräch" bedeutet. An ein junges Publikum gerichtet, wird sie sowohl auf traditionellen Instrumenten als auch auf Elektrogitarren, Bassgitarren und Perkussionscomputern gespielt. Um romantisch und zugleich tanzbar zu sein, ist die Musik entspannter und rhythmischer geworden.
In diesem musikalischen Milieu aufgewachsen, hat Toumani Diabate "Kaira", das erste Soloalbum in der Geschichte der Kora, aufgenommen und seine Musik mit Flamenco und Jazz verschmolzen. Jeli Moussa Sissoko, der auf dieser CD präsentierte Musiker, hat einen traditionelleren Stil gewählt. Im Alter von 14 Jahren übernahm er die Stelle seines Vaters im Ensemble Instrumental National und am Ende der achtziger Jahre begann Jeli Moussa, in den elektrischen Gruppen der berühmtesten Griottes zu spielen. Er erinnert sich an seine Schwierigkeiten, als er das erste Mal mit virtuosen Gitarristen, wie Bouba Sacko und Jeli Madi Tounkara spielte. Diese kombinieren die Spieltechnik der Stegharfe ngoni mit Anleihen aus Rock und Jazz. Die Herausforderung annehmend, war Jeli Moussa der erste Kora-Spieler, der die neuen Akkorde beherrschte und trotzdem zu den Tanzschritten der Sängerinnen passende Rhythmen spielen konnte. Jeli Moussa begleitet regelmäßig die große Kandia Kouyate, mit der er zahlreiche Tourneen in den USA, Australien und Europa unternahm. Er ist heute der gefragteste Kora-Spieler im Kreis der malischen Griottes. Jeli Moussa spielt am liebsten spät nachts in einem akustischen Rahmen, wenn der Straßenlärm und das Leben in den Höfen sich beruhigt hat. Hier entfalten sich der zarte Klang der Harfe und die Schönheit seiner musikalischen Kreationen in vollem Ausmaß. Zwischen Gläsern von Grünem Tee im Haus seiner Familie aufgenommen, fängt das Album diese entspannte Atmosphäre ein.
1. Bamba Leje
Das Eröffnungslied greift die Harmonien von Kuruntu Kelefa und Kelefaba auf, den ersten auf der Kora gespielten Stücken. Von diesen Kompositionen ausgehend, entwickeln sich andere Kora Stücke wie die Äste eines Baumes. Bamba Leje basiert auf einem typischen Grundmuster des gambischen Kora-Stils, das mit den Basssaiten F und C gespielt wird. Das Grundmuster dient als Begleitung für Improvisationen auf den hohen Saiten, welche im Laufe des Stückes zusehends schneller und komplexer werden.
2. Haidara Sirifo
Haidara Sirifo ist ebenfalls eine gambische Kreation. Sie wird zu Ehren der Familie Haidara oder Kureishi gespielt, die ihre Geschichte bis zum Propheten Mohammed zurückverfolgt. König Mansa Mussa soll von seiner legendären Pilgerreise nach Mekka im Jahre 1324 - in Kairo verschenkte er so viel malisches Gold, dass der Goldpreis in Ägypten stürzte - Mitglieder der Familie Kureishi mitgenommen haben, um den islamischen Glauben in der Heimat zu verbreiten.
Auf den ersten Blick fällt an diesem Lied die zu einer Spezialität junger, gambischer Kora-Spieler gewordene Funk-Bassbegleitung auf. Von seiner Grundstruktur her basiert das Lied jedoch auf den Akkorden von Sundiata, dem musikalischen Thema Sundiata Keitas, des Gründers des Reiches Mali.
3. Kaira Si
Während der vierziger und fünfziger Jahre, als die Unabhängigkeitsbewegung an Bedeutung gewann, war Kaira der Namen der Vereinigung der jungen jeli der Kleinstadt Kita. Kaira war ein Treffpunkt für Liebespaare und ihre Tanzfeste boten die Gelegenheit zum Ausdruck nationalistischer Gefühle. Die Vereinigung wurde von der französischen Verwaltung unter dem Vorwand einer Störung der öffentlichen Ordnung verboten. Zugleich zirkulierten Gerüchte, die nahe legen, dass das Verbot ausgesprochen wurde, weil Mitglieder des Vereins dem französischen Kommandanten die Liebhaberinnen abspenstig machten. Nach der Unabhängigkeit wurde Kaira zu einem der bekanntesten Hits der Griottes. Heute oftmals in der Tonart F gespielt, hat Jeli Moussa das Stück, dem Original folgend, in H interpretiert.
4. Saran
Dieses Lied wurde von Siramori Diabate gesungen, einer der bekanntesten und respektiertesten malischen Sängerinnen, die im Jahr 1989 verstarb. Siramori kam aus Kela, einem wichtigen Zentren mündlicher Überlieferung. Alle sieben Jahre rezitieren die Griots von Kela das epische Heldenlied vom Reichsgründer Sundiata zum Anlass der Renovierung des Sanktuariums der Königsfamilie der Keita im benachbarten Dorf Kangaba. Die Kompositionen von Siramori aus den fünfziger und sechziger Jahren waren der Ausdruck des Lebensgefühles einer neuen Generation von Künstlern. Diese wollte, von den sozialen Werten der Mande-sprachigen Gruppen ausgehend, eine moderne Gesellschaft aufbauen. Saran ist der Name einer jungen Frau, die nicht bei ihrem Geliebten bleiben konnte, weil ihre Eltern sie einem anderen Mann versprochen hatten. Unheilbare Krankheit vorschützend gelingt es Saran, sich auf ehrbare Weise der Heirat zu entziehen und das ihrem Liebhaber gegebene Treueversprechen zu halten. Mit seiner schönen Melodie und der Kombination aus einer originellen Bassbegleitung und auf den hohen Saiten gespielten Off-Beat-Phrasierungen, bietet dieses Stück für Jeli Moussa eine fast unerschöpfliche Improvisationsgrundlage.
5. Kankèlentigi
"Der Mensch, der sein Wort hält, sucht kein Gold.
Der Mensch, der sein Wort hält, sucht kein Geld.
Der Mensch, der sein Wort hält, sucht nach seinen eigenen Worten,
auf dass sie in Erfüllung gehen.
Ah! Es ist wahr: heute liebt man ehrliche Menschen erst, wenn sie verdorben sind."
Jeli Moussa entwickelt in diesem Lied die wehmütige Stimmung der Nacht.
6. Alla La Kè
"Gott hat es gemacht. Niemand bleibt ewig in dieser Welt ..."
Alla La Kè ist ein alter Klassiker der gambischen Kora-Tradition. Wie Bamba Leje im Viervierteltakt gespielt, greift die Improvisation mehrere Male für die Griot-Musik Bamakos typische Tanzrhythmen auf.
7. Jinèmusonin
Die Schönheit der Frau, die man liebt wird mit der außergewöhnlichen Anmut mancher Geister verglichen. Diese Idee spiegelt sich in einer Vielzahl von Geschichten, in denen Geister Männer und Frauen bezaubern. In der Abenddämmerung gespielt, sagt man von der Kora, dass sie Geister anzieht. Jinemusonin ("Geisterfrau") ist ein romantisches Nachtlied.
8. Lamban
"Gott hat die jeliya geschaffen, Gott hat das Königtum geschaffen.
Nur ein Ehrenmann kann einen kleinen Griot in einen großen Griot verwandeln ..."
Lamban ist der Familie der Kouyate gewidmet, den ersten jeli. Die Nachkommen von Balla Fasseke Kouyate, dem Preissänger von Sundiata Keita, werden als Hüter der Tradition angesehen. Mehrere regionale Variationen von Lamban existieren. Jeli Moussa spielt den Lamban aus der Kernregion des alten Reiches Mali im Norden Guineas und dem Südwesten der heutigen Republik Mali. Er interpretiert ihn jedoch in der Art der Sumun-Musik Bamakos.
9. N Ka Miiri
"Der Klang der Saiten trägt die Gedanken in die Ferne ..."
"Wenn ich denke ... " - dieses fließende, meditative Lied ist von Kaira Si inspiriert, aber im Dreivierteltakt von Konkoba gespielt. Konkoba begleitet den Tanz einer roten Maske, die von den Griots aus der Familie Kouyate getragen wird. Die Improvisation baut auf der Spannung zwischen den Noten H, C und F auf.
10. Dunya
"Man kann die Welt nicht kennen. Das Innere der Welt ist groß. Alles ist in ihr. Das Leben ist schön. Wer immer du auch bist, dein Tag wird vorbeigehen und du wirst diese Welt hinter dir lassen."
Jeli Moussa hat dieses Stück zusammen mit seinem Freund aus Kita, Jeli Makan Diabate komponiert. Es ist seinem Vater gewidmet, der am Höhepunkt seiner Laufbahn starb.
11. Suwaresi
"Großes Glück zeigt sich in Tränen ..."
Suwaresi ist eine andere Komposition aus Kita, die von Sory Kandia Kouyate, einem großen guineanischen Sänger der fünfziger und sechziger Jahre, interpretiert wurde. Sory Kouyate wurde oft auf der Kora von Sidiki Diabate begleitet. Laut Diabate war der Ahne der Suware der erste Schwarze, der nach Mekka pilgerte. Als die Leute ihn auf seinem Pferd sahen, riefen sie "a filè sowareware kan! (schaut ihn an auf seinem buntscheckigen Pferd!)" - in Erinnerung an diese Äußerung wurde seine Familie Suware genannt. Nach einer Einleitung, welche auf das Quartett von Haydn anspielt, welches der Bundesrepublik Deutschland als Nationalhymne dient, erforscht Jeli Moussa die charakteristische Spielweise der Generation seines Vaters. Ein majestätisches Tempo bietet Zeit für Improvisationen, welche unter anderem auf folgenden Techniken beruhen: Läufe, die mit gleichzeitigem Anschlagen zweier Saiten gespielt werden; schnelle Glissandos auf den hohen Saiten; Abdämpfen von Saiten mit dem Zeigefinger oder der Handfläche und rhythmisches Schlagen des Zeigefingers gegen die Holzgriffe des Instrumentes.
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